Von André Vatter
Und jetzt bin ich im Norden; zehn Jahre Köln waren ausreichend. Nicht, dass man mich falsch versteht, ich mag das Rheinland. Aber zehn Jahre Köln bedeuten auch zehn Jahre “Tätä-tätä-tätä!”, zehn Jahre KVB und zehn Jahre wuchernde Oberlippenbärte. Bei meinen Umzugsplänen machte ich einen Städtevergleich, einen Check meiner bundesrepublikanischen Urban-Erfahrungen: München schied als erstes aus. Vor ein paar Jahren geriet ich am Marienplatz per Zufall in einen Pulk der lokalen Schickeria. Nachdem die rotwangigen Gesichter und mit ihnen die Parfümwolke vorbeigezogen waren, fehlte mein Portemonnaie. Das hängt noch einige Zeit nach. Frankfurt kam nicht in Frage, weil hier (vor allem in der Nähe des Hauptbahnhofs) eine nicht nachvollziehbare Schlappenkultur ausgebrochen ist: Wer ohne Pantoffeln über die Straße läuft, fällt auf. Und Berlin, das ich aufgrund einer Fernbeziehung häufig besuchen musste, gab mir den Rest, als ich eines Abends vor dem schäbigen Hauptgebäude des Schönefelder Flughafens stand und ein Taxi suchte: “Entschuldigen Sie, sind Sie frei?” fragte ich höflich einen der Fahrer, die abseits der Wagen gemeinsam rauchten und lachten. “Ne, ick bin verheiratet. Kann dich jetzte abba trotzdem mitnehm’n.”
Es blieb der Norden. Als Community Manager der ZBW habe ich ein Büro, dessen Fenster direkt auf die Fontäne der Hamburger Binnenalster gerichtet sind. An manchen Tagen im Mai wird der Ausblick trübe, wenn das vom Wind fortgetragenen Wasser von der Scheibe abperlt. Ein, zwei Mal pro Woche besuche ich unseren zweiten Standort in Kiel, direkt an der Förde. Ich erinnere mich an eines der ersten Meetings dort, als alle Blicke auf mich gerichtet waren und ich während meiner Präsentation mitten im Satz abbrach: “Ist… – Entschuldigung: Ist das da ein U-Boot?”
Hier oben ist das Meer allgegenwärtig; zwei sogar, um genau zu sein. Bisweilen kann man das Gefühl bekommen, dort zu leben und zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Es gibt nicht viele Orte in Deutschland, von denen man sagen kann, dass dort täglich und nur wenige Meter vor den eigenen Augen Segelschiffe, Fähren (oder eben gigantisches Kriegsgerät) sanft durch das Wasser gleiten. Kiel, Travemünde, Timmendorfer Strand – ein Katzensprung; und wenn mir am Sonntagabend noch einmal danach ist, einen Blick auf das frühlingshafte Meer zu werfen, springe ich in den Zug und bin pünktlich zu den “Tagesthemen” wieder zurück.
Sicher, da gibt es auch diese Klischees. Südlich von Hannover erzählt man sich ja einiges über die Fischköppe. Doch – und das sage ich jedem, der sich mit den Gedanken an einen Umzug trägt: Das ist lediglich eine Frage der Hermeneutik, denn wer die Norddeutschen einmal kennengelernt hat, merkt schnell, dass diese nicht “verschlossen”, sondern “diskret” sind, nicht “emotional unterkühlt”, sondern “zuverlässig”. Wer in Köln nach dem Weg fragt, bekommt gerne die Antwort: “Mach keen Sträss. Drink doch eene mit!” In Berlin lautet Sie: “Wat willst’n da?” In Hamburg oder Kiel war ich von den klaren Richtungsanweisungen zunächst irritiert und so verunsichert, dass ich mehrmals meine Frage wiederholte. Ich erreichte immer mein Ziel auf dem kürzesten Weg. Sicher, man muss sich umstellen. “Möhren” heißen hier “Wurzeln”, ein “Franzbrötchen” ist keine herzhafte Leckerei vom Imbiss und die gesprochene Rückbestätigung “Nech?” ist hier wie das Echo allgegenwärtig. Doch damit kommt man klar.
Noch etwas, vielleicht das Wichtigste: Wer seinen Lebensmittelpunkt in den Norden verlegt oder eine Reise dorthin plant, sollte den Zeitpunkt seines Ankommens weise wählen. Peilen Sie den Mai an, nicht den September, nicht den Januar: nehmen Sie den Mai. Es gibt keine günstigere Gelegenheit, kaum einen schönere Jahreszeit im hohen Norden, als den späten Frühling, denn dies ist der Moment, in dem alle Hanseaten kollektiv aus dem Winterschlaf erwachen. Kommen Sie im Mai an, fragen Sie einen Norddeutschen nach dem Weg, erfahren Sie das hanseatische Understatement, knabbern Sie süßen Zimt-Plunderteig am einem Ufer der Alster oder Kieler Förde und genießen Sie den Frühling. Denn näher kommen Sie nicht an das Gefühl der Wonne heran. Nech?
___
André Vatter: Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Seit 1995 mit eigener E-Mail-Adresse unterwegs. Verantwortet das Community Management des Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Führt dort nebenbei das Blog MediaTalk. Zuvor Redaktionsleiter des Blogs Basic Thinking, eines der meistverlinkten Tech-Blogs Deutschlands.






