Auf Periskoptiefe

24 Jul

Von Jörg Meyer

„Unter Wasser geht das Land weiter“ (Klavki)

„Meine Stadt schmeckt salzig“, schrie[b] der mir befreundete und im April 2009 verstorbene Dichter Klavki und besang damit nicht nur unsere gemeinsame Heimatstadt, sondern auch das salzige Wasser rund derselben – wie der Tränen, die man gelegentlich über das Untergehen vergießt und damit kaum osmotische, wohl aber „ossianische“ Effekte erzielt. Sie erinnern sich? Ossian, mühthischer Dichter der Romantik, bereits bei Goethe matt bis glänzend besungen, geben Sie’s mal bei Wikipedia ein!

Kurzum, wenn ich derzeit rund 20 km über Kiel in einem Sanatorium, das dem „Zauberberg“ nicht unähnlich ist, untertauche, um nicht weiter unterzugehen, sondern mit Rettung zu ringen, denke ich weniger an Fische und Maritimes. Es sei denn an Klavkis legendäre Dichter-Session in einer Suite des Hotels Maritim, weiten Blicks über die Wasser der Förde, wo er sich eingemietet hatte, um seinem Epos „Der Traumzeuge“ über das Wasser und die Delfine darunter den letzten Schliff der durchaus geplanten Unvollendetheit zu geben, also gleichsam auf Periskoptiefe zu gehen.


… mit Rettung ringen … (Fotos: ögyr)

Auf solcher Periskoptiefe bleibt man auch unter Wasser an Land, das unter Wasser – gleichsam tiefergelegt – weitergeht, geht nicht unter, sondern eben nur unter Wasser. Dichten in der und über die Vertikale, über den „Verwellengrund“, welcher poetischer Straßenname mir an hiesigem Strand (Sie dürfen jetzt raten, wo) über die sandigen Füße stolperte.


… am Grund verwe[i/l]lt das Land …

Verwellen schwappt auf der salzigen Zunge fast wie Verwelken und erinnert hier unter dem „Zauberberg“ an den „Tod in Venedig“, dessen Campanile nachgebildet eben der Rathausturm ist (und gerade 100 wird), in dessen Schatten ich wohne – oder sollte ich sagen: unter dessen Schatten ich unterseeisch dichte? Sollte ich nicht, denn in Unterseebooten verlangen Kapitänleutnants nicht nur der Literatur wie Kollege Klavki „ordentliche Meldungen“. „Am Herz ist alles kaputt“ ist eine zu unspezifische. Zumal wir seit Lothar-Günther Buchheims „Das Boot“ (einer meiner wohl x mal gelesenen Romane – Lieblingskapitel „Gammel 2“) und Wolfgang Petersens Verfilmung desselben (eines meiner Lieblings-Unterwasser-Abenteuer neben Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“) wissen: „Das Wasser muss raus, muss! Erst in die Zentrale-Bilge, dann mit Pressluft außenbords!“

„Könnte klappen“, sagt der LI, dem die schweißige Strähne nach der Träne ins Gesicht weht.

Man könnte meinen, dass eben dies eine Metapher fürs Dichten an sich ist. Das Wasser muss raus, obwohl man sich gerade dazu unter Wasser begeben hat. Und das Untergehen, das unten Gehen durch das Land, das unter Wasser weitergeht. Wie schon der Brandtaucher sank in der Kieler Förde, wie schon das Sinken und sich fallen Lassen unter die Oberfläche Poesie gebiert. Unter Wasser sind die fremden Welten, die das Land über Wasser nicht kennt, doch stets schon erahnt in seinem Anlanden von Strandgütern.


… wo aus dem Meer das Land wird …

Und so empfehle ich Ihnen: Gehen Sie unter Wasser, testen sie das Tauchen, halten Sie die Luft an! Aber behalten Sie Ihr Periskop und Ihren Schnorchel über Fördewasser, diese Stadt zu sehen, zu atmen und zu riechen, ihr Salz in der Luft und ihre Silhouette. Maritimen Sie märchenhaft wie wir, die unterseeischen, untergegangenen Dichter, wir Käpt’n Nemos der Sprache …

Verwel[l/k]e doch, du bist so schön


Senke einmal noch die Schleier
Deiner milden Gegenwart
Auf meinen Elendsweiher,
Den Nachen trüber Fahrt.

Und halt’ am welken Meeresgrunde
Aufrecht deine Periskope.
So gehst du heim und nicht zugrunde,
Ans stille Land auch dieser Strophe.

Coming up next: Jörg Meyer

21 Jul

Last but not least: Mit Jörg Meyer beendet KN-online fürs Erste „Auf einen Blog“:  Wir hoffen, dass Euch der bunte und kreative Mix der unterschiedlichsten Künstler und Autoren aus drei Monaten gefallen hat! Noch aber ist nicht ganz Schluss:  Ihr müsst Euch unbedingt am Sonntag noch Jörgs Blogpost zu Gemüte führen.

Jörg Meyer: Reha vom Balkon

Jörg Meyer: Reha vom Balkon

Jörg Meyer (ögyr) bloggte bereits, bevor es Blogs gab: 2000 veröffentlichte er sein (in simplem HTML programmiertes) „di.gi.arium – keine nacht für niemand“, ein tägliches Tagebuch in einem „Wendejahr“, unter www.schwungkunst.de/hyper. Nach zehn Jahren ergänzte er die Fortsetzung des di.gi.ariums für ein www.schwungkunst.de/wordpress/?cat=3.

ögyrs weitere Textabwufstellen: www.forum-der-13.de und www.tage-bau.de.

ögyr ist Netzliterat (und KN-Mitarbeiter). Derzeit laboriert er an einer Herzkrankheit, deren literarisches Echo er unter www.schwungkunst.de/wordpress/?cat=9 dokumentiert(e).

Daraus, aus der Reha, speist sich auch sein Beitrag für „aufeinblog“ zum Thema „unter Wasser“.

Ein Block für das Blog

17 Jul

Von Katharina Kierzek

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Katharina Kierzek, geboren am 19.April 1975 in Berlin, 2000-2007 Studium der “freien Kunst” an der Muthesius-Hochschule in Kiel, seit 2007 Mitglied im Bundesverband Bildender Künstler Schleswig-Holstein, 2008: Eröffnung des “Atelierladen WIRKLICH” in Kiel. Seit 2008 Mitarbeit im Bereich der Museumspädagogik, Stadtgalerie Kiel ,
künstlerische Workshopleitung u.a. zu den Themen Rauminstallation, Comic, Buchgestaltung.

Coming up next: Katharina Kierzek

14 Jul

Raumdetail(s) gibt's in Katharina Kierzeks Atelier viele. Foto privat

Kennt ihr den Atelierladen Wirklich in der Lutherstraße? Sehr schön sieht es da aus, was seiner Inhaberin Katharina Kierzek zu verdanken ist. Sieben Jahre „Freie Kunst“ an der Muthesius! „Katharina, mal doch mal was für unser Blog zum Thema ‚Unter Wasser‘!“ Ob das klappt? Seht ihr am Sonntag hier, auf einen Blog!

Gemütliche Grüße

*das KN-online-Team

H2Oh, wie schade!

10 Jul

Foto: Neider

Von Rasmus Blohm

Das Wasser brandet und kracht an die Buhnen
Die Hünen zetern und werfen mit Runen
Jedes Omen hier deutet auf Sturm hin
Bei Fischer Jüllef ist auch schon der Wurm drin
Sein Kahn knarrt und heult gepeitscht von der Böe
Rán treibt den Wellenkamm in die Höhe
Du suchst Zuflucht, doch du findest sie nicht
Wohin? Wohin treibt deine Sinnsucht dich?

Am Ufer aalt sich das Seehundgesinde
Vater und Mutter mit ülpendem Kinde
Für dich wird der Lärm bald unerträglich
Das rege Treiben wirkt städtisch-eklig
Und jeder Taschenkrebs vergräbt sich
Dein Aufschrei klingt dagegen kläglich
Im wilden  Antlitz der Sturmgewalten
Willst du dich nicht über Wasser halten

Du hältst stattdessen die Luft an und springst
Tauchst ein in die Fluten und du versinkst
Bis selbst die Außenwelt langsam verklingt
Und spürst wie das Nass dich gierig verschlingt
Kein Sturm, der hier unten die Wasser verwühlt
Nur die Kühle, die wohl jeder Wassermann fühlt,
Wo Menschen nicht mehr sind als formlose Fratzen
Wo Worte nicht mehr sind als gurgelndes Schmatzen
Wo die Welt sich gefühlt viel langsamer dreht
Wo Opa mit Oma sonst schnorcheln geht
Röcheln die Rochen  und  du mittendrin
Dir steht das Wasser schon längst bis zum Kinn

Tümmler liebkosen die Wälder aus Tang
Ein Aal hangelt sich an Algen entlang
Fischschuppen schimmern im Schein eines Knicklichts
An dessen Haken sich ein Wurm das Genick bricht
Würmelnd zuckt der Butt durch die Schlickschicht
Der sicherlich glitschig dem Anglergesicht glich
Der Grund ist von schlafenden Schiffen gesäumt
Von denen das U-Boot in Laboe leise träumt

Bestaunst, woran sich Neptun längst satt sah
Wie ein Kind, das noch niemals im Watt war
Für dich ist Wasser eine Flasche Bonaqua
Du stehst wie ein Butt ziemlich platt dar
Bist von den bizarren Bildern betrunken
Und fabulierst gefühlt viele Stunden
Von Wundern, die in Untiefen rumschliefen,
Aber die kriegt dein Neopren nie zu seh’n

Wenn der letzte Hauch Luft aus den Lungen entweicht,
der Dorsch im April  seine Jungen ablaicht
und dein Körper wehrlos nach oben steicht
Verlässt du die Welt aus  H2Oh, wie schade!
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Rasmus Blohm aus Kiel, Jahrgang 1993, darf sich ab sofort Schleswig-Holstein- Champion nennen – im Poetry Slam.

Coming up next: Rasmus Blohm

8 Jul

Blutjung, hip und talentiert: Rasmus mag aber auch Skaten. Foto: Neider

Und da sagt einer, bei der Jugend von heute sei alles verloren! Welch schillernd knackige Talente hier doch ab und zu wieder aus geheimen Löchern kriechen. Slampoet-Überflieger Rasmus Blohm gibt uns eine Kostprobe seiner feinen Dichtkunst, am Sonntag, hier, aufeinenblog. Slammen ist Anarchie!

maxfrischig grüßt

*das KN-online-Team

Arne Rautenbergs Silber der Ostsee

3 Jul

Von Arne Rautenberg

Arne Rautenberg liebt den Blick aufs offene Meer. Foto Birgit Rautenberg

Arne Rautenberg liebt den Blick aufs offene Meer. Foto Birgit Rautenberg

Manchmal denke ich, ich bewege mich in meiner Stadt wie ein Blutkörperchen in einem Herzkreislaufsystem; die Straßen sind die Adern und die Stadt ist ein Körper, der das Meer im Herzen trägt. Würde man meine Bewegung in diesem Stadtkörper aus der Vogelperspektive betrachten und zeitraffen, man könnte sehen, wie ich immer wieder zu diesem Meerherzen hinpulsiere, um mir eine Extraportion Lebensschwung abzuholen. Am besten hätte man diese Bewegung nachvollziehen können, als meine Frau schwanger war.

Die Kiellinie aus der Vogelperspektive: Arne Rautenberg zieht immer wieder dort hin. Foto Björn Schaller

Die Kiellinie aus der Vogelperspektive: Arne Rautenberg zieht immer wieder dort hin. Foto Björn Schaller

Wir gingen täglich den Uferweg an der Kiellinie entlang, am Seehundsbecken vorbei, an der Reventloubrücke, passierten das Landeshaus und schlenderten zum Hindenburgufer. Dort gibt es eine Stelle, die mich stets innehalten lässt. Dann blicke ich die Landstreifen der Förde ab, bis sie verschwinden und den Horizont des offenen Meeres freigeben. Und jedes Mal, wenn ich das sehe, frage ich mich, warum dieser Blick so gut tut.

Und gebe mir immer dieselbe Antwort. Zum einen, weil das erhöhte Stehen auf der Promenade mir eine gewisse Übersicht suggeriert. Doch vor allem, weil ich beim Blick aufs offene Meer plötzlich nichts mehr vor mir habe, das mir den Blick verstellt. Und ich überlege, wie verstellt mein Leben wohl sein muss, dass ich mich derart an solch einem Moment der Übersicht und des Durchblicks labe.

Das Silber der Ostsee kommt in riesigen Schwärmen. Foto Sven Janssen

Das Silber der Ostsee kommt in riesigen Schwärmen. Foto Sven Janssen

kiel

beim blick auf den weit geöffneten wässrigen bogen              

ziehn weiße segel reißzahngleich durchs himmel

fleisch die möwen fern um jeden schrei betrogen

ziehn aus dem blick sind abgebogen wellengewimmel

mikrotosen in den ohren ohne nachdruck ohne spuren

im kopf ein rauschen mantragleiches vorwärtstouren

wann kommt das silber der ostsee in riesigen schwärmen

wann hat das wasser die wärme hineinzusteigen

wann dröhnt infernalisch ein signal in gedärmen

wann verschwinden die fähren in eisigem schweigen

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Arne Rautenberg, geboren 1967, lebt als Schriftsteller und Künstler in seiner Geburtsstadt Kiel. Er schreibt Gedichte, Romane, Kurzgeschichten und Essays. Sein literarisches Hauptbetätigungsfeld ist die Lyrik. Gedichte und Geschichten sind in mehreren Einzeltiteln erschienen. Zuletzt: Der Sperrmüllkönig, Roman, Hoffmann & Campe 2002, sowie die Gedichtbände einblick in die erschaffung des rades, Darling Publications (2004), vermeeren, Darling Publications (2007), gebrochene naturen, luxbooks (2009). 2010 erschien sein Kindergedichteband der wind lässt tausend hütchen fliegen im Kölner Boje Verlag.  Seit 2006 ist er Lehrbeauftragter an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel.