Archiv | Mai, 2011

Frühlingsansichten eines Ex-Kölners

29 Mai

Die charmante Klangleere des Nordens. Foto: Vatter

Von André Vatter

Und jetzt bin ich im Norden; zehn Jahre Köln waren ausreichend. Nicht, dass man mich falsch versteht, ich mag das Rheinland. Aber zehn Jahre Köln bedeuten auch zehn Jahre „Tätä-tätä-tätä!“, zehn Jahre KVB und zehn Jahre wuchernde Oberlippenbärte. Bei meinen Umzugsplänen machte ich einen Städtevergleich, einen Check meiner bundesrepublikanischen Urban-Erfahrungen: München schied als erstes aus. Vor ein paar Jahren geriet ich am Marienplatz per Zufall in einen Pulk der lokalen Schickeria. Nachdem die rotwangigen Gesichter und mit ihnen die Parfümwolke vorbeigezogen waren, fehlte mein Portemonnaie. Das hängt noch einige Zeit nach. Frankfurt kam nicht in Frage, weil hier (vor allem in der Nähe des Hauptbahnhofs) eine nicht nachvollziehbare Schlappenkultur ausgebrochen ist: Wer ohne Pantoffeln über die Straße läuft, fällt auf. Und Berlin, das ich aufgrund einer Fernbeziehung häufig besuchen musste, gab mir den Rest, als ich eines Abends vor dem schäbigen Hauptgebäude des Schönefelder Flughafens stand und ein Taxi suchte: „Entschuldigen Sie, sind Sie frei?“ fragte ich höflich einen der Fahrer, die abseits der Wagen gemeinsam rauchten und lachten. „Ne, ick bin verheiratet. Kann dich jetzte abba trotzdem mitnehm’n.“

Entschuldigung... Ist - das da ein U-Boot? Foto: Schaller

Es blieb der Norden. Als Community Manager der ZBW habe ich ein Büro, dessen Fenster direkt auf die Fontäne der Hamburger Binnenalster gerichtet sind. An manchen Tagen im Mai wird der Ausblick trübe, wenn das vom Wind fortgetragenen Wasser von der Scheibe abperlt. Ein, zwei Mal pro Woche besuche ich unseren zweiten Standort in Kiel, direkt an der Förde. Ich erinnere mich an eines der ersten Meetings dort, als alle Blicke auf mich gerichtet waren und ich während meiner Präsentation mitten im Satz abbrach: „Ist… – Entschuldigung: Ist das da ein U-Boot?“

Hier oben ist das Meer allgegenwärtig; zwei sogar, um genau zu sein. Bisweilen kann man das Gefühl bekommen, dort zu leben und zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Es gibt nicht viele Orte in Deutschland, von denen man sagen kann, dass dort täglich und nur wenige Meter vor den eigenen Augen Segelschiffe, Fähren (oder eben gigantisches Kriegsgerät) sanft durch das Wasser gleiten. Kiel, Travemünde, Timmendorfer Strand – ein Katzensprung; und wenn mir am Sonntagabend noch einmal danach ist, einen Blick auf das frühlingshafte Meer zu werfen, springe ich in den Zug und bin pünktlich zu den „Tagesthemen“ wieder zurück.

Gut zu ertragen, so ein Blick aus dem Büro. Foto: Vatter

Sicher, da gibt es auch diese Klischees. Südlich von Hannover erzählt man sich ja einiges über die Fischköppe. Doch – und das sage ich jedem, der sich mit den Gedanken an einen Umzug trägt: Das ist lediglich eine Frage der Hermeneutik, denn wer die Norddeutschen einmal kennengelernt hat, merkt schnell, dass diese nicht „verschlossen“, sondern „diskret“ sind, nicht „emotional unterkühlt“, sondern „zuverlässig“. Wer in Köln nach dem Weg fragt, bekommt gerne die Antwort: „Mach keen Sträss. Drink doch eene mit!“ In Berlin lautet Sie: „Wat willst’n da?“ In Hamburg oder Kiel war ich von den klaren Richtungsanweisungen zunächst irritiert und so verunsichert, dass ich mehrmals meine Frage wiederholte. Ich erreichte immer mein Ziel auf dem kürzesten Weg. Sicher, man muss sich umstellen. „Möhren“ heißen hier „Wurzeln“, ein „Franzbrötchen“ ist keine herzhafte Leckerei vom Imbiss und die gesprochene Rückbestätigung „Nech?“ ist hier wie das Echo allgegenwärtig. Doch damit kommt man klar.

Noch etwas, vielleicht das Wichtigste: Wer seinen Lebensmittelpunkt in den Norden verlegt oder eine Reise dorthin plant, sollte den Zeitpunkt seines Ankommens weise wählen. Peilen Sie den Mai an, nicht den September, nicht den Januar: nehmen Sie den Mai. Es gibt keine günstigere Gelegenheit, kaum einen schönere Jahreszeit im hohen Norden, als den späten Frühling, denn dies ist der Moment, in dem alle Hanseaten kollektiv aus dem Winterschlaf erwachen. Kommen Sie im Mai an, fragen Sie einen Norddeutschen nach dem Weg, erfahren Sie das hanseatische Understatement, knabbern Sie süßen Zimt-Plunderteig am einem Ufer der Alster oder Kieler Förde und genießen Sie den Frühling. Denn näher kommen Sie nicht an das Gefühl der Wonne heran. Nech?

___
André Vatter: Journalist, Blogger und Social Median aus Hamburg. Seit 1995 mit eigener E-Mail-Adresse unterwegs. Verantwortet das Community Management des Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Führt dort nebenbei das Blog MediaTalk. Zuvor Redaktionsleiter des Blogs Basic Thinking, eines der meistverlinkten Tech-Blogs Deutschlands.

MEHR ZUM THEMA:

Coming up next: André Vatter

27 Mai

André in urbaner Umgebung.

Wenn einer ein richtiger Blogger ist, dann er. Das Kapitel als Redaktionsleiter beim beliebten Blog Basic Thinking hat André Vatter zwar abgeschlossen, schreibt aber immer noch fantastisch unterhaltsame Blog-Geschichten. „Auf einen Blog“ kommt er bei uns vorbei. Und besonders gut kommen die Weltstädte dieses Landes dabei nicht weg. Berliner Anticharme, Kölner Albernheit und Münchner Möchtegern-Schickeria: Im Norden ist es doch am schönsten. Nech?

Nordische Grüße

*das KN-online-Team

Achtung, ausschlagende Bäume

22 Mai

Torsten Wolff ist Slam-Poet. Dafür schreibt man ja auch. Foto: Eisenkrätzer

Von Torsten Wolff

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Jedes Jahr kommt mir das gleiche alberne Bild in den Sinn, das wörtlich zu nehmen. Obwohl ich es jedes mal weniger komisch finde und mir klar ist, dass es in dieser Bildhaftigkeit nicht stimmt, mache ich trotzdem im Mai immer instinktiv einen größeren Bogen um alle Sorten von Bäumen. Weiterlesen

Coming up next: Torsten Wolff

19 Mai
Torsten Wolff lässt sich durch fast nichts erschrecken. Foto Eisenkrätzer

Torsten Wolff lässt sich durch fast nichts erschrecken. Foto Eisenkrätzer

Sonst slamt er Reime, für uns reimt er zwar nicht, erklärt dafür aber seine irrationale Angst vor ausschlagenden Bäumen.  Hoffentlich schlagen die Bäume in seiner Vorstellung nicht wie die peitschende Weide. Der Kieler Jung Torsten Wolff bloggt am Sonntag über die Wonne. Passt nicht zu gewalttätigen Bäumen? Auch der Coffee to go kostet im Mai immer noch 99 Cent, wie er enttäuscht feststellen muss. Klicken Sie sich rein!

Gewaltfreie Grüße

*das KN-online-Team

Der Wonnemonat und die Sonnenuhr

15 Mai

MC Winkel betreibt mit whudat ein bekanntes Weblog.

Von MC Winkel

Nachdem der April so viel Liebe für uns hatte und es den Anschein macht, als würde mein Lieblings- und gleichzeitig unser aller Wonnemonat Mai ein ähnliches Sonnengedeck auftischen, können wir nun endlich vergeben: Winter 2010, Du warst vielleicht ein Irrsinn! Aber egal, Du kommst ja eh nie wieder – es sei Dir hiermit offiziell verziehen! Als Blogger ist man ja Selbstdarsteller… Weiterlesen

Coming up next: MC Winkel

12 Mai

MC Winkel über die Wonne - am Sonntag, 15. Mai, schaut er auf einen Blog vorbei.

Blog-Affinen muss man nicht erklären, wer er ist: Mathias Winks alias MC Winkel betreibt eines der meistzitierten Blogs des Netzes – schreibt aus seinem Leben, über Kunst, Design, Fotografie und Musik, jüngst etwa über seine Reise nach Manhattan. Am Sonntag gibt’s bei uns zu lesen, welchen Senf er zum  Thema Wonne hinzuzugeben hat.

Viel Spaß bis dahin wünscht

*das KN-online-Team

Worüber freue ich mich eigentlich?

8 Mai
Björn Högsdal. Geboren 1975 in Köln. Studium der Literatur- und Medienwissenschaften in Kiel. Autor, Kulturveranstalter und Leiter von Poetry Slam-Workshops. Foto: Andreas Schauder

Björn Högsdal.

Von Björn Högsdal

Vorgegebene Themen beim Schreiben sind immer so eine Sache. Man beschäftigt sich mit dem Thema, in diesem Fall „Wonne“ und dann findet man heraus, dass der Wonnemonat sprachlich eigentlich nichts mit unserem Begriff Wonne zu tun hat.
Weiterlesen