Kiel – schön ein Leben lang

5 Jun
Moritz Neumeier ist nur 1,73 Meter groß. Steht er deswegen auf Bühnen? Foto privat

Moritz Neumeier ist nur 1,73 Meter groß. Steht er deswegen auf Bühnen? Foto privat

Von Moritz Neumeier

Ich bin hier im Norden aufgewachsen. Das klingt erst einmal komisch, denn wenn eine Landschaft keine Erhebungen kennt, fällt es dem Körper schwer, sich größentechnisch an irgendetwas zu orientieren. Vielleicht bin ich deswegen so klein. 1,73 Meter sind keine Maße eines Wikingers und somit stach ich auch nie aus Gruppen heraus. Vielleicht stehe ich deswegen auf Bühnen. Vielleicht muss ich jedem Menschen, den ich treffe, neu beweisen, dass ich keine Eintagsfliege bin, dass mein Aussehen nicht auf meine Stärken hinweist und ich trotzdem interessant sein kann.

Ich glaube, Kiel geht es genauso. Wer diese Stadt betritt, wird weder von monumentaler Architektur noch von dem Gefühl der Weltoffenheit umgeworfen. Man muss sich Kiel schon näher anschauen, um eine Anlass zur Faszination zu finden. Gästen, die mich nach Sehenswürdigkeiten fragen, empfehle ich immer das Seehundbecken, in der Hoffnung, dass diese kleinen, glitschigen aber irgendwie süßen Wesen dem Zuschauer ein „Ohhh, wie niedlich“ entlocken und dieses sich dann in die Erinnerung an Kiel einflechtet.

Die HDW würde ich meinen Gästen nicht zeigen, weil ich die dort hergestellten Marine-U-Boote nicht mit meinem Kiel in Verbindung gebracht wissen möchte.

Wie niedlich - die Seehunde an der Kiellinie. Foto Frank Peter

Wie niedlich - die Seehunde an der Kiellinie. Foto Frank Peter

Nein, um Jemanden von Kiel zu begeistern, muss man mit ihm eintauchen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das erste Mal wirklich glücklich in Kiel war ich im Wasser. Im Sommer von einem der unzähligen Stege in die Förde zu springen, die Abende bei seichtem Wellengang  – wenn man diesen überhaupt als solchen bezeichnen kann – und einem guten norddeutschen Bier zu verbringen, das bringt einem den Charme dieser schleswig-holsteinischen Metropole wenigstens ein Stück näher.

Dazu kommen die Menschen. Diese eigenartigen nordischen Gebilde. Die Begrüßung erfolgt meistens durch einen der unzähligen Taxifahrer, der jede Fahrt, die nicht mindestens bis nach Flensburg geht, als viel zu kurz und nicht im Geringsten lohnenswert betrachtet. „Die 200 Meter hättest du ja wohl auch zu Fuß gehen können!“, war das Letzte, was ich nach meiner gestrigen Fahrt vom Hauptbahnhof zur Schaubude in der Legienstraße vernahm, bevor meine Kutsche im dichten Nebel verschwand. Dabei sollte man dieses Verhalten nicht einmal als Unfreundlichkeit deuten. Es resultiert einfach aus dem Wissen, dass die nahe See sich jeden Tag der Stadt bemächtigen und jedes Leben auslöschen könnte.

Also warum überhaupt freundlich zu jemandem sein, der morgen vielleicht schon gar nicht mehr existiert? Der Kieler mag seine Mitmenschen, er zeigt es nur nicht gerne. Wer einen derben Spruch als Beleidigung empfindet, der hat es auch nicht verdient, nicht beleidigt zu werden, so einfach ist das. Wir haben einen schwarzen Humor, das weiß die ganze Republik und darauf sind wir stolz. Und diesen kann uns das Meer genauso wenig nehmen wie englische Bomber.

Viele Gäste: Tausende strömen im Juni zur Kieler Woche. Foto Bockemühl

Viele Gäste: Tausende strömen im Juni zur Kieler Woche. Foto Bockemühl

Nur einmal im Jahr empfangen wir Gäste. Einmal im Jahr kommen sie alle in diese Stadt, um sich vollzufressen, zu tanzen, zu trinken, zu feiern. Wir nehmen das hin. Sollen sie eine Woche lang kommen und unser Wasser bewundern. Sollen sie sich über all die Segel freuen, die wir in unserem täglichen Bild doch schon immer gewohnt waren. Sollen sie ausgelassen sein und lachen, irgendwann verschwinden sie schon wieder. Wir wissen, dass sie nichts mitnehmen, was uns fehlen würde.

Bevor ich als Bühnenpoet die halbe Welt bereiste, war ich mir sicher, von hier wegkommen zu müssen. Ich war davon überzeugt, dass dort draußen Hunderte wunderschöne Städte darauf warteten, von mir erobert und geliebt zu werden. Ich träumte von Bergen, von Sonne im März, einer ganzen Woche ohne Regen und Gastfreundlichkeit. Und erst jetzt, nach Hunderten kleinen Reisen durch die Republik, nach blühenden Landschaften, den Alpen, dem wilden Osten, den Metropolen und Käffern dieses unseren Landes wird mir bewusst, wie sehr ich hier oben hingehöre.

Kiel ist eine Woche lang schön für die Welt und ein Leben lang für uns. 

___
Moritz Neumeier ist Slammer, Moderator, Schriftsteller, Kulturveranstalter, Kabarettist und Mitglied von „Team und Struppi“. Er lebt und schafft von Hamburg aus in die weite Welt hinein. 2010 erschien seine erste Textsammlung im Berliner Periplaneta-Verlag.

2 Antworten to “Kiel – schön ein Leben lang”

  1. Timo 9. Juni 2011 um 11:54 #

    Der Kieler zeigt es nicht gerne, naja ich kann auch freundlich sein wenn ich will, gerade zur KiWo wenn die ganzen Ausländer einfallen, aber muss ja nicht jedem gleich ein Küsschen geben wie die Kölner, das geht auch anders. 😉

Trackbacks/Pingbacks

  1. Wenn die KN bloggen läßt…. « KielKontrovers - 6. Juni 2011

    […] Moritz Neumaier – oh wieder Poetry Slammer und kein Blogger. Inhaltlicher Beitrag: Seine Sicht auf Kiel, auch eher belanglos. […]

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