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Der Rausch ist vorbei

26 Jun

Von Andre Nagel 

Andre Nagel

Andre Nagel

Die Müllabfuhr ist durch und die Linie 61 der KVG fährt ihre erste Tour durch die Eggerstedtstraße, doch nach Hause gehen wir nicht. Im Tageslicht, welches schon vor längerer Zeit die Spuren der vergangenen Nacht offengelegt hat, lassen wir die Kieler Woche Revue passieren.

Eigentlich war alles wie immer. Lotto hat als Zugabe „Hamburg meine Perle“ gesungen, eine Regenjacke war unerlässlich, die Krakauer war viel zu lange auf dem Schwenkgrill, das Design vom offiziellen Plakat sorgte für Diskussionen, die Bratnudeln am Alten Markt waren die perfekte letzte Mahlzeit zur Nacht, auch in Schilksee sieht man nicht viel vom Segelwettkampf, das beste Bier kommt bei den meisten scheinbar aus dem eigenen Rucksack und am Ende landen wir doch alle hier. Zur linken das Schloß, vor uns das Osho, hinter uns Diskomusik durch verschwitzte Scheiben wummernd und rechts Karstadt. Moment, da klafft ja nur noch eine Ruine mit Abrissbaggern, und glaubt man den vielen Planungsmodellen für die Innenstadt, dann findet sich bald überall Baustaub und ein Konsumtempel neben dem nächsten.

 

„Auch noch ’n Bier?“, schallt es von der anderen Straßenseite und reißt mich aus den Zukunftsgedanken über die Landeshauptstadt. Vielmehr, es wirft mich zurück in die Vergangenheit, denn in dieser einen Woche trifft man bekannte und mittlerweile unbekannte Gesichter wieder. Das nur durch Nicken angenommene Angebot für ein Frühstücksbier spült schließlich mehrere ehemalige Klassenkameraden an den letzten noch aufgebauten Tresen und man holt die Geschichten vergangener Tage raus, verspricht sich zu melden und mal wieder einen draufzumachen, wie damals. Ein Abkommen für ein paar Stunden, gültig bis zur Abfahrt auf die A 215.

Party auf der Eggerstedtstraße

"Am Ende landen wir doch alle hier": Während der Kieler Woche verwandelt sich die Eggerstedtstraße in eine Partymeile. Foto August

Dann lieber die neuen Nummern im Handy checken und versuchen diese irgendwelchen Gesichtern zuzuordnen. Maria? Ah, die Spanierin vom Internationalen Markt – die mit ihrem großzügig ausgeschenktem Rioja den Wortschatz meines schätzungsweise zehn Jahre zurückliegenden VHS-Kurs „El nuevo curso I“ wieder komplett hervorgeholt und noch verbessert hat, für ein paar Stunden und anschließend vergessen, bis zur nächsten Kieler Woche. Die beginnt übrigens 2012 noch früher, Soundcheck ist dann bereits am 15. Juni!

Wie immer eine Woche für neue Bekanntschaften, eine Woche für das Treffen mit der Vergangenheit, eine Woche voller Geschichten und am Montag danach ist Kiel immer noch schön – und mehr als eine Woche, bloß nicht mehr so laut.

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Andre Nagel: Erster und derzeit einzig aktiver Schreiberling auf dem seit 2005 bestehenden Blog Unten am Hafen, Magister der Pädagogik und doch bei der schreibenden Zunft gelandet. Immer nördlich der Elbe im Leben gewandelt, alle Lebensaufträge von Vatern nicht erfüllt (Heilpraktiker werden oder reich heiraten) – und Enkelkinder hat er auch noch keine.

Zeit steht und vergeht

19 Jun
Nur so 13 Grad in Vammen. Aber schön grün! Foto: Denker

Nur so 13 Grad in Vammen. Aber schön grün! Foto: Denker

Von Doris Denker

Nun sitze ich hier, bei 13 Grad in Vammen. Wo ist das denn bitte sehr? Was mache ich hier eigentlich? Mitten in Dänemark, Nord- und Ostsee sind weit weg. Vor 28 Jahren hat mein Liebster hier eine Französin kennengelernt. Französisches Wetter fühlt sich aber anders an und die „Knutschbank“ steht wohl auch nicht mehr an ihrem Platz, so ein Pech aber auch! Und trotzdem: irgendwie gefällt mir dieser Campingplatz. Ein „hyggeliger“ Ort mit einer wunderbaren Aussicht auf einen schönen langen See. Der Regen tropft auf das Zelt – ständig. Es ist Sommerurlaub, muss ich mir immer wieder einreden und dennoch bin ich endlich weit weg vom Alltag, von allem. Meinen Job schon vergessen, die Füße nass und irgendwie bin ich glücklich in diesem „Nichts“. Mit uns teilen ein paar holländische Stammgäste, eine Katze, die Elster „Rudolph“ und eine Gänsefamilie diesen Platz. Nun sind wir schon über eine Woche hier. Mein Liebster fragt mich, ob wir abreisen sollen? Nein, abreisen kommt nicht in Frage. Es gibt hier ein „Feuerhaus“. Hier trockne ich mir die Füße und bekomme nach einer musikalischen Darbietung einen „Musikerschnaps“. Die Zutaten wachsen alle an diesem Ort, lecker und heiß fließt er die Kehle hinunter. Bloß nicht zu viel davon! Wir sitzen in diesem warmen Haus, die Wände geschmückt mit antikem, bäuerlichen Tand und Alltagsgegenständen aus längst vergangenen Zeiten. Das Feuer knistert munter vor sich her, während es draußen „Bindfäden“ regnet. Da kommen einem schon so Gedanken. Ein neues Lied! Vielleicht?! Mein Liebster spielt Gitarre und die Gäste lauschen unserer Musik. Auch die Katze fühlt sich wohl und das Feuer knistert immer noch und meine Gedanken auch. Ich denke an ein neues Lied, ein Text über die Zeit die steht und vergeht. Wie spät ist es jetzt eigentlich? Handy aus und keine Uhr dabei. Ist doch auch egal, wann gönnen wir uns eigentlich noch „Zeitlosigkeit“? Das hier dauert nun schon mehr als eine Woche lang. Morgens 8.30 Uhr, Harm-Wulff, der gute Geist des Platzes (und beinahe das „Dänische Supertalent 2010“, unglaublich!), bläst auf seinem Jagdhorn. Die selbstgebackenen Brötchen sind fertig, wir wollen frühstücken.

Paula am Meer am Meer. Foto: privat

Paula am Meer am Meer. Foto: privat

Mehr als eine Woche (das neue Lied)

Jede Zeit ist so, wie Du sie fühlst

Ein Tag, manchmal zu lang, doch für vieles zu kurz

Eine Woche vergeht so schnell, die Zeit ist fast gerannt!

Ein Monat und Du wartest auf den nächsten ersten Neuanfang

Ein Jahr bricht an und schon ist es wieder vorbei

Ein Leben, fangen wir doch an, ist mehr als eine Woche lang

Zeit ist da, wie Du sie brauchst

Jeder Tag vergeht und reicht bis in die Nacht

Eine Woche ist nicht alles, wann fängst Du an

Reicht Deine Zeit nur eine Woche lang?

Ein Jahr bricht an und schon ist es wieder vorbei

Ein Leben, fangen wir doch an, ist mehr als eine Woche lang

Deine Zeit ist da, wie Du sie siehst

Jede Zeit vergeht, auch wenn sie steht

Lass‘ los und fang‘ zu tanzen an

Bleibt Dir auch mehr als eine Woche lang

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Doris Denker ist Sängerin und Texterin der Kieler Band „Paula am Meer“. Die Band setzt auf eigenwillige deutsche Texte und musikalisch vielfältige Eigenkompositionen. Live wird die Musik zu Filmen und Collagen auf die Bühne gebracht: eine „akustische Sehreise“ im wahrsten Sinne des Wortes!

MEHR ZUM THEMA:

Im November 2011 erscheint die neue CD/DVD „Sushi Bar“ auf dem eigenem Label – und die ersten Live-Termine der „Sushi Bar-Tour“ stehen auch schon fest;

15.10.2011 „Vorpremiere“ im Dünenhus, St. Peter-Ording

19.11.2011 „Record Release Party“ im Kieler Weinkontor

19.12.2011 „Die etwas andere Weihnachtsfeier“ im Blauen Engel, Kiel

29.01.2012 „Matinee“ im Metro-Kino, Kiel

25.02.2012 Lichthof-Theater, Hamburg (Termin in Vorbereitung)

Der Vorverlauf startet am 01.09.2011. Weitere Infos im Internet www.paulaammeer.de

Die Krusenkoppel und ihre vielen Gesichter

12 Jun
Sarah Roloff, ein Selbstporträt

Sarah Roloff, ein Selbstporträt

Die Krusenkoppel im Winter - ein Paradies für Schlittenfahrer...

Die Krusenkoppel im Winter - ein Paradies für Schlittenfahrer...

Matschige Füße gibts im Frühjahr

Matschige Füße gibts im Frühjahr

Malen, basteln, hämmern - ein Kinderparadies zur Kieler Woche

Malen, basteln, hämmern - ein Kinderparadies zur Kieler Woche

Geschenke von oben regnet es im Herbst

Geschenke von oben regnet es im Herbst

Zum Jahresabschluss ein himmlischer Blick über die Förde

Zum Jahresabschluss ein himmlischer Blick über die Förde

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Sarah Roloff, 1982 in Preetz geboren, aber im Herzen eine Kielerin, hat in der Landeshauptstadt das Studium „einer nicht weiter nennenswerten Wissenschaft“ abgebrochen, eine Ausbildung zur Buchbinderin gemacht und eine Weile als solche gearbeitet, bevor es sie nach Hamburg verschlug, wo sie jetzt Illustration studiert. Sarah Roloff macht ihren Blog „Ranokel“ zum Skizzenbuch. Darin zeigt sie seit Januar 2010 woran sie gerade arbeitet – eigene Zeichenprojekte, Arbeiten fürs Studium, kleine Animationen.

Coming up next: Sarah Roloff

9 Jun
Sarah Roloff, ein Selbstporträt

Sarah Roloff, ein Selbstporträt

KN-online konnte für Sonntag die begabte Zeichnerin, Illustratorin und Filmemacherin Sarah Roloff gewinnen: Die Kielerin, die in Hamburg Illustration studiert, macht ihren Blog „Ranokel“ zum Skizzenbuch. Darin zeigt sie seit Januar 2010 woran sie gerade arbeitet – eigene Zeichenprojekte, Arbeiten fürs Studium, kleine Animationen.

Sie schaut am Sonntag „Auf einen Blog“ vorbei – und skizziert ihren persönlichen Blick auf die Kieler „Krusenkoppel im Wandel eines Jahres“.

Viel Spaß!

Kiel – schön ein Leben lang

5 Jun
Moritz Neumeier ist nur 1,73 Meter groß. Steht er deswegen auf Bühnen? Foto privat

Moritz Neumeier ist nur 1,73 Meter groß. Steht er deswegen auf Bühnen? Foto privat

Von Moritz Neumeier

Ich bin hier im Norden aufgewachsen. Das klingt erst einmal komisch, denn wenn eine Landschaft keine Erhebungen kennt, fällt es dem Körper schwer, sich größentechnisch an irgendetwas zu orientieren. Vielleicht bin ich deswegen so klein. 1,73 Meter sind keine Maße eines Wikingers und somit stach ich auch nie aus Gruppen heraus. Vielleicht stehe ich deswegen auf Bühnen. Vielleicht muss ich jedem Menschen, den ich treffe, neu beweisen, dass ich keine Eintagsfliege bin, dass mein Aussehen nicht auf meine Stärken hinweist und ich trotzdem interessant sein kann.

Ich glaube, Kiel geht es genauso. Wer diese Stadt betritt, wird weder von monumentaler Architektur noch von dem Gefühl der Weltoffenheit umgeworfen. Man muss sich Kiel schon näher anschauen, um eine Anlass zur Faszination zu finden. Gästen, die mich nach Sehenswürdigkeiten fragen, empfehle ich immer das Seehundbecken, in der Hoffnung, dass diese kleinen, glitschigen aber irgendwie süßen Wesen dem Zuschauer ein „Ohhh, wie niedlich“ entlocken und dieses sich dann in die Erinnerung an Kiel einflechtet.

Die HDW würde ich meinen Gästen nicht zeigen, weil ich die dort hergestellten Marine-U-Boote nicht mit meinem Kiel in Verbindung gebracht wissen möchte.

Wie niedlich - die Seehunde an der Kiellinie. Foto Frank Peter

Wie niedlich - die Seehunde an der Kiellinie. Foto Frank Peter

Nein, um Jemanden von Kiel zu begeistern, muss man mit ihm eintauchen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das erste Mal wirklich glücklich in Kiel war ich im Wasser. Im Sommer von einem der unzähligen Stege in die Förde zu springen, die Abende bei seichtem Wellengang  – wenn man diesen überhaupt als solchen bezeichnen kann – und einem guten norddeutschen Bier zu verbringen, das bringt einem den Charme dieser schleswig-holsteinischen Metropole wenigstens ein Stück näher.

Dazu kommen die Menschen. Diese eigenartigen nordischen Gebilde. Die Begrüßung erfolgt meistens durch einen der unzähligen Taxifahrer, der jede Fahrt, die nicht mindestens bis nach Flensburg geht, als viel zu kurz und nicht im Geringsten lohnenswert betrachtet. „Die 200 Meter hättest du ja wohl auch zu Fuß gehen können!“, war das Letzte, was ich nach meiner gestrigen Fahrt vom Hauptbahnhof zur Schaubude in der Legienstraße vernahm, bevor meine Kutsche im dichten Nebel verschwand. Dabei sollte man dieses Verhalten nicht einmal als Unfreundlichkeit deuten. Es resultiert einfach aus dem Wissen, dass die nahe See sich jeden Tag der Stadt bemächtigen und jedes Leben auslöschen könnte.

Also warum überhaupt freundlich zu jemandem sein, der morgen vielleicht schon gar nicht mehr existiert? Der Kieler mag seine Mitmenschen, er zeigt es nur nicht gerne. Wer einen derben Spruch als Beleidigung empfindet, der hat es auch nicht verdient, nicht beleidigt zu werden, so einfach ist das. Wir haben einen schwarzen Humor, das weiß die ganze Republik und darauf sind wir stolz. Und diesen kann uns das Meer genauso wenig nehmen wie englische Bomber.

Viele Gäste: Tausende strömen im Juni zur Kieler Woche. Foto Bockemühl

Viele Gäste: Tausende strömen im Juni zur Kieler Woche. Foto Bockemühl

Nur einmal im Jahr empfangen wir Gäste. Einmal im Jahr kommen sie alle in diese Stadt, um sich vollzufressen, zu tanzen, zu trinken, zu feiern. Wir nehmen das hin. Sollen sie eine Woche lang kommen und unser Wasser bewundern. Sollen sie sich über all die Segel freuen, die wir in unserem täglichen Bild doch schon immer gewohnt waren. Sollen sie ausgelassen sein und lachen, irgendwann verschwinden sie schon wieder. Wir wissen, dass sie nichts mitnehmen, was uns fehlen würde.

Bevor ich als Bühnenpoet die halbe Welt bereiste, war ich mir sicher, von hier wegkommen zu müssen. Ich war davon überzeugt, dass dort draußen Hunderte wunderschöne Städte darauf warteten, von mir erobert und geliebt zu werden. Ich träumte von Bergen, von Sonne im März, einer ganzen Woche ohne Regen und Gastfreundlichkeit. Und erst jetzt, nach Hunderten kleinen Reisen durch die Republik, nach blühenden Landschaften, den Alpen, dem wilden Osten, den Metropolen und Käffern dieses unseren Landes wird mir bewusst, wie sehr ich hier oben hingehöre.

Kiel ist eine Woche lang schön für die Welt und ein Leben lang für uns. 

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Moritz Neumeier ist Slammer, Moderator, Schriftsteller, Kulturveranstalter, Kabarettist und Mitglied von „Team und Struppi“. Er lebt und schafft von Hamburg aus in die weite Welt hinein. 2010 erschien seine erste Textsammlung im Berliner Periplaneta-Verlag.

Coming up next: Moritz Neumeier

1 Jun
Ein Norddeutscher im Herzen: der Slammer Moritz Neumeier Foto: Frank Peter

Ein Norddeutscher im Herzen: der Slammer Moritz Neumeier Foto: Frank Peter

Neuer Monat, neues Motto: Kiel – mehr als nur eine Woche. Das denkt sich auch Moritz Neumeier, der „Auf einen Blog“ vorbeischaut und mit einer amüsanten, ironisch gebrochenen Hommage an Kiel und den Norden in den Juni startet.  Der bekannte Slammer („Team und Struppi“) , Schriftsteller und Kabarettist ergründet am Sonntag auf KN-online den Charme der Landeshauptstadt abseits der Kieler Woche und charakterisiert das Wesen der Norddeutschen. Neumeier, der beruflich viel unterwegs ist, weiß, wo er zu Hause ist: „Kiel ist eine Woche lang schön für die Welt und ein Leben lang für uns.“

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